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La Palma und die Tsunami-Erzählung

La Palma und die Geschichte vom großen Tsunami

Die Behauptung, dass auf La Palma ein Teil der Insel abbrechen und dadurch ein großer Tsunami entstehen könnte, hat einen realen geologischen Hintergrund. Sie ist aber im Lauf der Jahre stark vereinfacht und dramatisiert worden. An Vulkaninseln sind Flankenbewegungen, Hangrutschungen und strukturelle Schwächezonen grundsätzlich reale Forschungsthemen. Das gilt auch für die Cumbre Vieja auf La Palma.

Zwischen geologischer Frage und öffentlicher Erzählung

Ein wichtiger Ausgangspunkt der späteren Debatte war die Eruption von 1949. Damals wurden im Bereich der Cumbre Vieja Frakturen und Rissbildungen beschrieben, die später oft als Hinweis auf eine instabile Westflanke gedeutet wurden. Daraus entwickelte sich die populäre Vorstellung, auf La Palma liege bereits eine große Bruchstelle, an der ein ganzer Inselteil irgendwann ins Meer stürzen könne. In der wissenschaftlichen Literatur wurde diese Frage tatsächlich untersucht, aber deutlich differenzierter, als es die öffentliche Erzählung später wiedergab.

Die Spalte auf La Palma

Immer wieder wird in diesem Zusammenhang von einer tiefen Spalte oder einem großen Riss gesprochen, der als Beweis für eine bevorstehende Abtrennung eines Inselteils gilt. Tatsächlich bezieht sich diese Vorstellung vor allem auf die Bruch- und Frakturzone, die nach der Eruption von 1949 im Bereich der Cumbre Vieja beschrieben wurde. Daraus entstand später die populäre Vorstellung einer fast schon fertigen Sollbruchstelle.

Genau hier ist jedoch Vorsicht nötig. Die sichtbaren Risse und Frakturen bedeuten nicht automatisch, dass La Palma an einer einzigen klaren Bruchlinie kurz davorsteht, in zwei Teile zu zerfallen. Neuere Arbeiten beschreiben die Westflanke eher als komplex deformierten Bereich mit mehreren geologischen und vulkanotektonischen Prozessen als als einfache, durchgehende Abbruchkante. Der geologische Befund ist also deutlich komplizierter, als es die bekannte Kurzfassung mit der einen großen Spalte vermuten lässt.

Wie die Tsunami-Geschichte groß wurde

Besonders stark verbreitet wurde die Geschichte nach der Arbeit von Ward und Day aus dem Jahr 2001. Dort wurde ein extremes Kollapsszenario modelliert, bei dem ein sehr großer Teil der Westflanke plötzlich versagt und weitreichende Tsunamiwellen erzeugt. Genau dieses Modell prägte viele Schlagzeilen. Aus einem Szenario wurde in zahlreichen Darstellungen beinahe eine Gewissheit. Der eigentliche Charakter einer Modellrechnung - also eine Untersuchung unter bestimmten Annahmen - ging dabei weitgehend verloren.

Spätere Untersuchungen haben diese einfache Vorstellung jedoch deutlich relativiert. Die Situation der Westflanke ist komplexer als die Idee einer einzigen klaren, durchgehenden Sollbruchstelle. Die Flanke wird in der Forschung nicht als sauber abgetrennter Block beschrieben, der nur noch auf den nächsten Auslöser wartet, sondern als geologisch vielschichtiges System mit mehreren strukturellen Elementen und langfristiger Entwicklung.

Die Eruption von 2021

Auch während und nach der Eruption von 2021 wurde wieder deutlich, wie komplex das System der Cumbre Vieja tatsächlich ist. Die Aktivität lief entlang einer Rift- und Fissurenzone mit Magmenaufstieg, Deformation und sich verändernden Spannungsfeldern. Das Ereignis bestätigte die Aktivität des vulkanischen Systems, aber nicht die populäre Behauptung, dass nun ein unmittelbarer Großabbruch der Westflanke bevorstehe.

Was sich sachlich sagen lässt

Eine nüchterne Einordnung kommt deshalb zu einem klaren Ergebnis: Ja, auf La Palma gibt es reale Frakturen, Deformationszonen und eine wissenschaftlich gut begründete Diskussion über Flankeninstabilität. Nein, daraus folgt nicht automatisch, dass die Insel an einer einzelnen tiefen Bruchlinie kurz davorsteht, teilweise abzubrechen. Und ebenso wenig ist die bekannte Erzählung von einem zwangsläufigen transatlantischen Mega-Tsunami eine sachgerechte Kurzfassung des Forschungsstands.

Für einen neutralen Blick auf La Palma ist deshalb diese Unterscheidung entscheidend: Die Cumbre Vieja ist kein harmloser, starrer Gebirgszug, sondern ein aktives vulkanisches System mit realen Schwächezonen und Deformationsprozessen. Gerade deshalb sollte man genauer hinschauen. Die geologische Wirklichkeit ist ernst genug - sie braucht keine Übertreibung.

Quellenangaben

  • Walter, T. R. et al.: Internal structure of the western flank of the Cumbre Vieja volcano, La Palma, Canary Islands, based on data from transverse and diagonal en echelon and radial fractures. Journal of Geophysical Research, 2010.

  • Rollwage, L. et al.: Geomorphological evidence for volcano-tectonic deformation of Cumbre Vieja's western flank and implications for flank instability. Geomorphology, 2024.

  • U.S. Geological Survey: Volcano Watch - The Canary Islands "mega-tsunami" hypothesis, and why it doesn't carry water, 21.10.2021.

  • De Luca, C. et al.: Pre- and Co-Eruptive Analysis of the September 2021 Eruption of Cumbre Vieja Volcano, La Palma, Canary Islands, Based on Radar Satellite Data. Geophysical Research Letters, 2022.

  • Plank, S. et al.: The 2021 Cumbre Vieja eruption, La Palma: new data and implications. Scientific Reports, 2023.