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Die Geologie Teneriffas

Eine Reise durch Millionen Jahre Erdgeschichte

Teneriffa ist mehr als Sonne, Strand und Vulkane. Sie erzählt eine geologische Geschichte, die über 12 Millionen Jahre zurückreicht. Ihre Entstehung ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie gewaltige Kräfte im Erdinneren Landschaften formen, Ökosysteme prägen und den Lebensraum für Mensch und Tier erschaffen. Diese Geschichte ist heute in Felsformationen, Kratern, erstarrten Lavaströmen und Gebirgen ablesbar – für Fachleute ebenso wie für interessierte Laien.

Die Geburt Teneriffas: Vom Meeresgrund zum Hochgebirge

Teneriffas Ursprung liegt tief im Atlantischen Ozean. Die Insel entstand durch sogenannte intraplattenvulkanische Prozesse, also durch vulkanische Aktivität innerhalb einer tektonischen Platte – in diesem Fall der Afrikanischen Platte. Im Gegensatz zu Plattengrenzen-Vulkanismus, wie z. B. am Pazifischen Feuerring, treten Hotspot-Vulkane an festen Stellen im Erdmantel auf, während sich die Erdkruste über sie hinweg bewegt. Genau so entstand die Inselkette der Kanaren.

Vor etwa 12 Millionen Jahren begannen erste submarine Vulkanausbrüche auf dem Meeresboden. Diese förderten zunächst basaltische Lava, die sich unter dem enormen Wasserdruck abkühlte und als sogenannte „Kissenlava“ ablagerte. Über Jahrtausende bauten sich Schicht um Schicht massive Strukturen auf, die schließlich die Meeresoberfläche durchbrachen und Inseln formten.

Teneriffa wuchs nicht aus einem einzigen Vulkankegel heraus, sondern entstand durch die Verschmelzung dreier großer vulkanischer Massive – Anaga im Nordosten, Teno im Nordwesten und Adeje im Süden. Diese sogenannten Schildvulkane bildeten sich unabhängig voneinander und verschmolzen später zu einer Insel. In der Mitte dieser Konvergenzzone entstand der Teide-Komplex – das heute zentrale Hochland der Insel.

Der Teide: Spaniens höchster Gipfel und geologisches Wahrzeichen

Mit 3.718 Metern ragt der Pico del Teide hoch über das Inselinnere hinaus. Er ist nicht nur der höchste Punkt Spaniens, sondern auch der dritthöchste Inselvulkan der Welt – nach den Vulkanen auf Hawaii. Der Teide erhebt sich aus der Caldera de Las Cañadas, einer riesigen Einbruchstruktur mit etwa 16 Kilometern Durchmesser, die durch einen Kollaps des früheren Vulkangebäudes entstand – möglicherweise infolge eines massiven Ausbruchs oder einer tektonischen Destabilisierung.

Der heutige Teide ist ein Schichtvulkan (Stratovulkan), der sich aus wechselnden Lagen von Lava und pyroklastischem Material aufgebaut hat. Seine letzten bekannten Ausbrüche liegen mehrere Jahrhunderte zurück, jedoch gilt er als aktiver Vulkan, da unterirdische Bewegungen und Gasaustritte weiterhin registriert werden.

Ein oft übersehener Fakt: Der letzte Ausbruch auf Teneriffa fand nicht am Teide selbst statt, sondern am Chinyero, einem seiner Nebenkrater, im Jahr 1909. Der Ausbruch dauerte zehn Tage, richtete aber dank der relativ geringen Explosivität kaum Schaden an. Dennoch zeigt er, dass Teneriffa auch heute nicht geologisch „ruhig“ ist.

Vulkanismus als Gestalter: Gefahr, aber auch Lebensgrundlage

Vulkanische Prozesse gelten oft als zerstörerisch – doch auf Teneriffa sind sie auch Quelle von Fruchtbarkeit und Leben. Die Lava, die über Jahrtausende die Insel formte, verwitterte allmählich zu mineralreichen Böden. Diese sind besonders im Norden der Insel äußerst fruchtbar und ermöglichen den Anbau von Produkten wie Kartoffeln, Wein, Bananen und tropischen Früchten.

Die vulkanische Aktivität beeinflusst zudem die Wasserverfügbarkeit. Regenwasser sickert durch poröse Lavaschichten in den Untergrund und speist dort natürliche Aquifere. Diese unterirdischen Wasserspeicher sind essenziell für die Trinkwasserversorgung der Insel, da oberirdische Flüsse und Seen fast vollständig fehlen.

Gleichzeitig bleibt der Vulkanismus eine Bedrohung. Die Nähe menschlicher Siedlungen zu potenziellen Eruptionszentren, wie sie z. B. auf La Palma 2021 zum Problem wurde, erfordert ständige Überwachung. Frühwarnsysteme und geophysikalische Messstationen helfen dabei, Veränderungen rechtzeitig zu erkennen.

Geologische Vielfalt schafft biologische Vielfalt

Teneriffas Landschaft ist geprägt von starken Kontrasten: Küstenebenen, tiefe Schluchten, Vulkankegel, Hochgebirge und Lorbeerwälder liegen oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Diese geologische Fragmentierung schafft unzählige Mikroklimata – von fast tropisch bis halbwüstenartig.

In diesen unterschiedlichen Zonen konnten sich zahlreiche endemische Arten entwickeln, die nur auf Teneriffa oder den Kanaren vorkommen. Die Lorbeerwälder (Laurisilva) im Anaga-Gebirge sind Überreste eines uralten, feuchten Waldbiotops, das einst große Teile Südeuropas bedeckte. Dagegen findet man im Süden karge Lavalandschaften, die von sukkulenten Pflanzen wie Wolfsmilch und Kanarenfeigen besiedelt werden.

Geotourismus: Lernen im vulkanischen Klassenzimmer

Teneriffa nutzt seine geologische Besonderheit auch für einen wachsenden Bildungs- und Wissenschaftstourismus. Besucher können Vulkankrater durchwandern, erkaltete Lavaströme erkunden, alte Lavahöhlen besichtigen oder im Museum interaktiv lernen, wie Vulkane funktionieren.

Der Teide-Nationalpark ist dabei das Zentrum dieses Geotourismus. Über 4 Millionen Besucher jährlich bestaunen hier die Mondlandschaften der Cañadas, erleben die Seilbahnfahrt zum Teide-Gipfel oder lernen im Besucherzentrum „Telesforo Bravo“ die geologische Geschichte der Region kennen. Auf geführten Touren mit Geologen oder Rangern wird das Erlebte zusätzlich wissenschaftlich eingeordnet.

Wissenschaft auf der Insel: Forschungs- und Bildungseinrichtungen

Teneriffa ist nicht nur Schauplatz, sondern auch aktiver Forschungsstandort. Mehrere Institute widmen sich der Geowissenschaft, Vulkanologie, Meteorologie und Astronomie – viele davon international vernetzt.

Instituto Volcanológico de Canarias (INVOLCAN)

Das INVOLCAN ist die wichtigste Einrichtung zur Vulkanüberwachung auf den Kanarischen Inseln. Es betreibt seismische, geochemische und thermische Messstationen, führt Forschung durch und bietet auch Fortbildungen für Lehrer, Schüler und interessierte Bürger an.

Museo de la Naturaleza y el Hombre (MUNA)

In Santa Cruz gelegen, zeigt dieses Museum Ausstellungen zur Naturgeschichte der Kanaren – von geologischen Formationen über Fossilien bis zu den Ureinwohnern (Guanchen), deren Leben eng mit der Vulkanlandschaft verknüpft war.

Centro de Visitantes Telesforo Bravo

Dieses Besucherzentrum im Teide-Nationalpark ist wissenschaftlich fundiert und zugleich anschaulich gestaltet. Es würdigt das Lebenswerk von Telesforo Bravo, einem der bedeutendsten kanarischen Geologen, und zeigt detailliert die Prozesse, die die Insel geformt haben.

Observatorio del Teide

Auf 2.390 Metern Höhe liegt eines der wichtigsten Sonnenobservatorien Europas. Neben astronomischer Forschung wird hier auch die Atmosphäre untersucht, insbesondere die Wechselwirkungen zwischen Vulkanismus und Klimadaten.

Zukunft: Zwischen Bewahrung und Weiterentwicklung

Die geologische Geschichte Teneriffas endet nicht – sie schreibt sich weiter. Die Insel wird auch künftig unter dem Einfluss ihres Hotspots stehen, auch wenn größere Eruptionen möglicherweise noch Jahrhunderte entfernt sind. Gleichzeitig muss der Mensch lernen, mit dieser Realität verantwortungsvoll umzugehen.

Der Spagat zwischen Naturschutz, Tourismus, Forschung und Sicherheitsbedürfnissen ist komplex. Doch gerade diese Herausforderung macht Teneriffa zu einem faszinierenden Ort für alle, die sich mit den Kräften beschäftigen, die unseren Planeten formen.