Verborgene Wurzeln

Die genetische Präsenz der Guanchen in der heutigen Bevölkerung der Kanarischen Inseln
Die Kanarischen Inseln – diese atlantischen Oasen zwischen Afrika und Europa – sind nicht nur für ihre Vielfalt an Landschaften, Mikroklimata und Kulturen bekannt, sondern auch für eine tief verwurzelte, oft übersehene Geschichte: die der Guanchen. Diese Ureinwohner, einst Bewohner von Höhlen und steinernen Siedlungen, wurden im 15. Jahrhundert durch die spanische Eroberung fast vollständig verdrängt. Und doch – sie sind nicht verschwunden. Zumindest nicht ganz.
In den letzten Jahrzehnten hat die Genetik begonnen, das Schweigen der Geschichte zu brechen. Neue Studien zeigen: Die Guanchen leben weiter – in der DNA vieler Inselbewohner. Und das nicht nur als Randnotiz der Vergangenheit, sondern als messbarer, signifikanter Teil ihrer genetischen Identität.
Die Guanchen: Ursprung, Lebensweise und Überlieferung
Archäologische Funde und linguistische Hinweise deuten darauf hin, dass die Guanchen vor über 2.000 Jahren von Nordafrika – vermutlich aus dem heutigen Marokko oder Algerien – auf die Inseln kamen. Sie gehörten ethnisch zu den Berbern (Amazigh) und entwickelten auf den Kanaren, isoliert vom Festland, eine ganz eigene Kultur. Ihre Lebensweise war landwirtschaftlich geprägt, mit Viehzucht, Getreideanbau und einer besonderen Beziehung zur Natur – vor allem aber lebten sie in beeindruckender Selbstgenügsamkeit.
Obwohl ihre Sprache heute ausgestorben ist, gibt es Hinweise, dass sie mit berberischen Sprachen verwandt war. Noch heute existieren auf den Inseln Ortsnamen und Begriffe mit mutmaßlich guanchischem Ursprung. Die Guanchen mumifizierten ihre Toten, errichteten Kultstätten, und ihre kulturellen Spuren reichen weiter, als lange angenommen.
Genetische Spuren in der heutigen Bevölkerung
Trotz der gewaltsamen Kolonialisierung und der massiven Einwanderungswellen nach dem 15. Jahrhundert ist ein bedeutender Teil des genetischen Erbes der Guanchen in der heutigen Bevölkerung erhalten geblieben – und lässt sich präzise nachweisen.
Mitochondriale DNA (mtDNA): Die mütterliche Linie
Besonders aufschlussreich ist die Analyse der mtDNA, die ausschließlich von der Mutter weitergegeben wird. In mehreren Studien wurde festgestellt, dass zwischen 30 und 50 % der heutigen Bevölkerung der Kanaren mtDNA-Haplogruppen trägt, die typisch für die präkoloniale guanchische Bevölkerung sind. Diese Vererbungslinie zeigt: Viele Frauen der indigenen Bevölkerung überlebten die Kolonialisierung – oder wurden in die neue Gesellschaft integriert.
Diese genetischen Signaturen unterscheiden sich klar von denen der spanischen Kolonisatoren und verweisen auf einen klaren genetischen Bruch – oder besser gesagt: auf eine Überlagerung zweier genetischer Welten.
Y-Chromosomen: Die väterliche Linie
Die Situation bei der Y-Chromosomen-Analyse fällt anders aus. Hier zeigt sich, dass der europäische Einfluss deutlich überwiegt. Das ist – historisch betrachtet – leider nicht überraschend. Viele indigene Männer fielen während der Eroberung, wurden versklavt oder assimiliert. Der genetische Beitrag europäischer Männer, insbesondere spanischer Eroberer und Siedler, ist dementsprechend deutlich höher.
Trotzdem finden sich in geringerem Umfang auch Y-Haplogruppen, die auf nordafrikanisch-berberischen Ursprung schließen lassen. Das belegt, dass auch einige guanchische Linien die Kolonialisierung überdauert haben – wenn auch nicht in dem Maße wie die mütterlichen.
Autosomale DNA: Ein Gesamtbild
Autosomal-DNA-Analysen liefern ein umfassenderes Bild, da sie alle Chromosomen berücksichtigen, nicht nur die Geschlechtschromosomen. Diese Untersuchungen zeigen, dass die heutige Bevölkerung der Kanaren genetisch gesehen ein Mosaik ist: mit Einflüssen aus Europa (vor allem Spanien), Nordafrika (Berber) und in geringerem Maß aus Subsahara-Afrika – ein Erbe des transatlantischen Sklavenhandels.
Je nach Insel fällt dieser genetische Mix unterschiedlich aus. Besonders auf La Gomera, El Hierro und La Palma ist der guanchische Anteil noch relativ hoch, während auf Gran Canaria und Teneriffa der europäische Einfluss stärker ausgeprägt ist – nicht zuletzt durch wirtschaftliche Zentralisierung und größere Migrationsbewegungen.
Historische Prozesse der Vermischung
Die genetische Landschaft der Kanarischen Inseln ist das Ergebnis eines komplexen historischen Prozesses: der Eroberung durch die Spanier, der Versklavung großer Teile der indigenen Bevölkerung, der Einfuhr afrikanischer Sklaven und der sukzessiven Migration aus Europa über mehrere Jahrhunderte hinweg.
Trotz dieses tiefgreifenden Wandels blieb der guanchische Einfluss erstaunlich robust – insbesondere durch die Integration indigener Frauen in die neue Kolonialgesellschaft. Ihre Gene wirken bis heute nach – ein stilles Zeugnis weiblicher Resilienz in einem von Gewalt geprägten Umbruch.
Was uns diese Forschung heute sagt
Die genetische Erforschung der Guanchen ist mehr als nur eine akademische Übung – sie hat einen tiefen kulturellen Wert. Sie gibt den Nachkommen der Ureinwohner eine Stimme, wo die Geschichtsschreibung jahrhundertelang schwieg oder verdrängte. Sie hilft, ein Bewusstsein für die tiefen historischen Wurzeln der heutigen kanarischen Identität zu schaffen – jenseits touristischer Klischees oder kolonialer Übermalungen.
Viele Kanarier, die heute von sich sagen, „wir sind ein Mischvolk“, haben durch die Forschung nun einen greifbaren Bezug zu dieser Aussage. Die Guanchen leben nicht nur in Sagen, Ortsnamen oder Museumsräumen weiter – sie leben im wörtlichen Sinn in uns weiter.
Quellen und weiterführende Literatur
- Fregel, R. et al. (2019). Mitogenomes illuminate the origin and migration patterns of the indigenous people of the Canary Islands. PLOS ONE.
- Maca-Meyer, N. et al. (2004). Ancient mtDNA Analysis and the Origin of the Guanches. European Journal of Human Genetics.
- Flores, C. et al. (2003). The Genetic Legacy of the Prehistoric Guanches. American Journal of Human Genetics.
- Rodríguez-Varela, R. et al. (2017). Genomic analyses of pre-European conquest human remains from the Canary Islands. PNAS.
- Fregel, R. et al. (2009). Mitochondrial DNA Analysis in Ancient Canarian Populations. American Journal of Physical Anthropology.
- Brehm, A. et al. (2002). Human mtDNA lineages in the Macaronesian Islands. Human Biology.
- Weitere Informationen bietet das Instituto Canario de Bioantropología:
- https://www.museosdetenerife.org/icba/