PAUSE

Wenn Freiheit zur Show wird

Über Orcas, Delfine und uns

Wenn Du schon einmal in einer Orca-Show warst, hast Du sie sicher gesehen: die riesigen Wale, die scheinbar mühelos durch die Luft fliegen, das Wasser spritzen lassen, das Publikum begeistern. Auch die Delfine, die auf Kommando springen, tanzen und mit den Flossen „winken“. Für viele ist das ein Highlight des Urlaubs. Auch ich habe solche Shows früher einfach hingenommen. Beeindruckend, klar. Doch heute frage ich mich: Was steckt eigentlich wirklich dahinter?

Ich habe mich tief in das Thema eingelesen – in wissenschaftliche Studien, in Erfahrungsberichte von Meeresbiologen, in ethische Debatten. Und ich bin auf Stimmen gestoßen, die etwas völlig anderes zeigen als das, was die Shows uns vorgaukeln. Deshalb schreibe ich diesen Artikel. Nicht, um Dir etwas zu verbieten oder zu verurteilen – sondern, um Dich einzuladen, hinzusehen. Und vielleicht anders hinzusehen als bisher.

Forschung? Ja – aber nicht in der Showarena

Eines der Hauptargumente, das Du vielleicht auch schon gehört hast: Delfine und Orcas in Gefangenschaft würden wichtige Erkenntnisse für die Wissenschaft liefern. Aber was heißt das konkret?

In Wahrheit sind die Bedingungen in Showbecken so unnatürlich, dass sich viele Verhaltensweisen verändern oder gar nicht mehr zeigen. Stress, Platzmangel, fehlende Jagdmöglichkeiten – das beeinflusst Körper und Geist der Tiere massiv. Die renommierte Biologin Naomi Rose hat schon vor Jahren in einer Studie klar gemacht, dass Delfine und Wale in Gefangenschaft Verhaltensstörungen entwickeln – etwa monotones Kreis-Schwimmen oder Selbstverletzung. (Rose & Marino, 2009)

Das ist keine Wissenschaft im eigentlichen Sinn. Das ist eine Zwangs-Situation, aus der man kaum Rückschlüsse auf wilde Tiere ziehen kann. Die Forschung, die wirklich zählt, findet heute dort statt, wo diese Tiere leben: im offenen Meer.

Bildung oder Illusion?

Vielleicht denkst Du: „Aber wenigstens lernen die Kinder dort etwas über die Tiere.“ Und ich verstehe diesen Gedanken – den hatte ich auch. Aber mal ehrlich: Was bleibt hängen, wenn Du einen Orca siehst, der auf Pfiff springt? Dass er Gehorsam zeigen kann. Nicht, dass er hunderte Kilometer durch den Ozean zieht. Nicht, dass er ein komplexes Sozialleben führt. Und schon gar nicht, was ihn bedroht – wie Lärmverschmutzung, Klimawandel, Beifang.

Robert Marc Lehmann, Meeresbiologe, Forschungstaucher und Naturfotograf, bringt es ganz direkt auf den Punkt: „In Gefangenschaft gehaltene Orcas zeigen kein natürliches Verhalten. Die Menschen sehen nur eine Show. Keine Realität.“ Seine klare Haltung und sein Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, haben mich tief beeindruckt. Er reist um die Welt, um genau das aufzudecken, was andere lieber verbergen würden. Auch den Loro Parque auf Teneriffa hat er kritisch thematisiert.

Artenschutz durch Shows? Leider nein.

Ein weiteres Argument der Betreiber: „Wir schützen die Tiere – durch Nachzucht und Aufklärung.“ Klingt gut. Ist es aber nur bedingt.

Die Nachzucht in Gefangenschaft trägt nicht zum Schutz wilder Populationen bei, denn die Nachkommen werden nie ausgewildert. Sie leben ihr Leben hinter Glas. Und viele „Schutzprojekte“, die erwähnt werden, bleiben vage. Konkrete, messbare Beiträge zum Schutz von Orcas oder Delfinen in der Natur? Fehlanzeige.

Echter Artenschutz bedeutet: Meere schützen, Beifang reduzieren, Wildtiere beobachten, ohne sie einzusperren. Und das findet draußen statt, nicht in einem Showbecken mit Scheinwerfern und Lautsprechern.

Und was ist mit dem Wohl der Tiere?

Hier wird es persönlich. Wenn ich mir Videos von Orcas in Gefangenschaft ansehe – wie sie apathisch treiben, ihre Rückenflosse schlaff nach unten hängt, sie Zähne an Betonwänden abreiben – dann macht das was mit mir. Mit Dir vielleicht auch.

Diese Tiere sind intelligent, emotional, sozial. Sie leben in komplexen Familienverbänden, haben Dialekte, zeigen Mitgefühl, jagen im Team, spielen. Und in einem Becken? Da sind sie eingesperrt, dressiert – und oft krank.

Eine Studie von Visser et al. (2014) zeigt: Orcas in Gefangenschaft haben eine signifikant höhere Sterblichkeitsrate als ihre wilden Artgenossen. Und viele sterben früh an Lungenentzündungen, Infektionen oder Magenproblemen – Krankheiten, die durch Stress und unnatürliche Lebensbedingungen begünstigt werden.

Warum ich Dir das schreibe

Ich schreibe Dir diesen Text nicht, um Dir Schuldgefühle zu machen. Ich will Dir auch nicht sagen, was Du zu tun hast. Ich möchte Dir nur die andere Seite zeigen - die Seite, die in der Arena nicht sichtbar ist.

Auch ich bin mit diesen Bildern groß geworden: Delfine, die springen, Orcas, die wie Performer wirken. Aber je mehr ich mich mit der Realität beschäftigt habe, desto klarer wurde mir: Das ist nicht natürlich. Das ist nicht gerecht. Und es passt nicht mehr in eine Zeit, in der wir eigentlich längst wissen, wie empfindsam und komplex diese Tiere sind.

Und noch etwas ist mir wichtig, gerade mit Blick auf Kinder: Neugier, Staunen und echtes Lernen brauchen keine dressierten Tiere. Kinder können sich der Delfin- und Walwelt sehr nah kommen - nur anders. Nicht über Gehorsam auf Pfiff, sondern über Wissen, Vorstellungskraft und echte Begegnung mit der Natur, ohne dass dafür ein Tier funktionieren muss.

Beispiele, die ich ernsthaft gut finde

  • Gute Naturdokumentationen, gemeinsam schauen und danach Fragen sammeln: Was fressen Orcas? Wie weit ziehen Delfine? Warum ist Lärm im Meer so gefährlich?
  • Museen, Meeres-Ausstellungen und Wissenschaftszentren mit Modellen, Klangstationen (Walgesänge), interaktiven Karten und echten Forschungseinblicken
  • Bücher und Hörformate, die Geschichten und Fakten verbinden - nicht kitschig, sondern erklärend
  • Schulprojekte und Citizen-Science: Strandfunde bestimmen, Müllzählungen, Sichtungsdaten verstehen, über Schutzgebiete sprechen
  • Verantwortungsvolle Wildbeobachtung (wenn überhaupt): Mit Abstand, ohne Hetze, ohne Anfassen, ohne „Action“ als Ziel

Und ja: Es gibt auch Shows ohne Tiere, die funktionieren - sogar besser, weil sie nicht lügen müssen. Ich meine damit keine Ersatz-Zirkusnummern, sondern Formate, die Wissen und Emotion klug verbinden:

  • 360-Grad-Filme, Kuppelkinos oder immersive Projektionen, die die Perspektive unter Wasser erlebbar machen
  • Bühnenformate mit Film, Musik und Erzählung - eine Art „Meeres-Planetarium“, nur für Ozeane
  • Theater, Tanz oder Licht- und Wassershows, die die Bewegung und Größe der Tiere künstlerisch übersetzen, ohne sie zu besitzen
  • VR- und AR-Erlebnisse, die zeigen, wie ein Orca jagt, wie Gruppen kommunizieren, wie groß die Distanzen wirklich sind

Robert Marc Lehmann hat einmal gesagt:

„Wenn wir Tiere lieben, lassen wir sie in Ruhe. Liebe bedeutet nicht Nähe - Liebe bedeutet Respekt.“

Und genau das wünsche ich mir: Mehr Respekt. Für die Tiere. Und auch für Dich - weil Du bereit bist, hinzuschauen.

Was Du tun kannst

Du musst nicht alles verändern. Aber vielleicht kannst Du bei Deiner nächsten Entscheidung einen Moment länger hinschauen: Was ist Bildung - und was ist nur Kulisse?

Du kannst Dokumentationen schauen, Ausstellungen besuchen, Wildbeobachtung nur dann machen, wenn sie wirklich respektvoll organisiert ist, und Dich über Meeresschutzprojekte informieren. Es gibt viele Wege, diese Welt kennenzulernen, ohne dass dafür jemand eingesperrt wird. Und manchmal ist genau das der entscheidende Schritt: Die Faszination behalten - aber die Show nicht mehr brauchen.

Quellen und Lesetipps:
  • Rose, N. A., & Marino, L. (2009). The Harmful Effects of Captivity on Cetaceans. Humane Society International.
  • Visser, I. N., et al. (2014). Poor health and high mortality rates in captive orcas (Orcinus orca). Journal of Veterinary Behavior.
  • American Cetacean Society: Position Statement on Captivity
  • Robert Marc Lehmann
    www.robertmarclehmann.com
    YouTube: @RobertMarcLehmann