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Nachhaltig bauen und sanieren auf den Kanaren

Wie geht das wirklich?

Nachhaltiges Bauen auf den Kanaren ist keine Stilfrage, sondern eine Entscheidung unter besonderen Rahmenbedingungen: Salz in der Luft, starke Sonneneinstrahlung, teils knappe Wasserverfügbarkeit, Mikroklimate auf engem Raum und eine Materiallogistik, die viele Produkte über das Meer bringt. Wer hier langfristig gut bauen oder sanieren will, braucht weniger Schlagworte und mehr System: Standort verstehen, Bestand respektieren, Hülle priorisieren, Technik passend dimensionieren, Wasser als Ressource planen, Details sauber ausführen.

Was auf den Kanaren anders ist

Klima: Mikroklima statt Insel-Pauschale

Auf den Kanaren entscheidet der konkrete Standort stärker als viele erwarten: Nordseite und Südseite, Küste und Medianías, Windkanäle, Verschattung durch Relief, Feuchteinseln und Calima-Phasen. Für Planung und Sanierung heißt das: Sonnengang, Wind, Verschattung, Feuchte und Salzbelastung vor Ort erfassen und daraus bauliche Prioritäten ableiten.

Bei Staubepisoden (Calima) kann die Außenluft kurzfristig stark belastet sein. Für Lüftung, Filter, Dichtungen und Wartungsintervalle ist das relevant. AEMET stellt dafür unter anderem Prognosen zu Saharastaub bereit.[1]

Salz: Korrosion und Materialalterung ernst nehmen

In Küstennähe sind Korrosionsschäden an Metallteilen und Bewehrung ein klassisches Langzeitproblem. Nachhaltig ist hier oft nicht das exotischste Material, sondern das robusteste Detail: geeignete Edelstähle oder Beschichtungen, konstruktiver Schutz vor Sprühwasser, saubere Trennlagen, wartungsfreundliche Befestigungen, korrekt geplante Betondeckung und ein Betonsystem, das zur Exposition passt.

In der europäischen Praxis werden zur Dauerhaftigkeitsplanung von Beton Expositionsklassen (z. B. XS für Chloride aus Meerwasser) nach EN 206 herangezogen. Als verständliche Einordnung existieren Leitfäden, die diese Klassen erklären und typische Situationen beschreiben.[2]

Wasser: Versorgung ist Teil der Energiebilanz

Auf den Kanaren spielt Meerwasserentsalzung eine tragende Rolle in der Wasserversorgung. Das ist für nachhaltiges Bauen deshalb relevant, weil Wasserverbrauch hier auch System- und Energiefragen berührt. Die OCEA (Gobierno de Canarias) beschreibt die Bedeutung der Entsalzung und deren Rolle im urbanen und touristischen Verbrauch.[3]

Insel-Logistik: Transport verändert die Nachhaltigkeitsrechnung

Viele ökologische Baustoffe sind auf den Inseln nicht durchgehend verfügbar. Import kann sinnvoll sein, muss aber ehrlich bilanziert werden: Herkunft, Transport, Haltbarkeit, Wartung und Ersatzteilversorgung zählen mit. Umgekehrt kann die Wiederverwendung aus dem Bestand oder die Nutzung lokaler Materialien (z. B. Naturstein in passenden Anwendungen) die Gesamtbilanz deutlich verbessern.

Der rechtliche Rahmen: Ohne Genehmigung keine Nachhaltigkeit

Technische Mindestanforderungen: CTE, RITE, Energiezertifikat

  • CTE (Código Técnico de la Edificación): Für Neubau und relevante Sanierungen sind unter anderem Anforderungen an Energie (DB HE) und Salubridad, inklusive Feuchteschutz und Lüftung (DB HS), zentral.[4][5]
  • RITE (Reglamento de Instalaciones Térmicas en los Edificios): Regelt Anforderungen an thermische Anlagen wie Klimatisierung und Warmwasser im Sinne von Energieeffizienz und Hygiene.[6]
  • Energiezertifikat: Für Verkauf und Vermietung gelten Pflichten zur energetischen Zertifizierung nach dem grundlegenden Verfahren des Real Decreto 390/2021.[7]

Schutzgebiete, Küste, Ländliches Bauland: Zusätzliche Ebenen

  • Küstennähe: Das Küstenrecht (Ley 22/1988) regelt Schutz und Nutzung des maritim-terrestrischen öffentlichen Bereichs. Je nach Lage können zusätzliche Einschränkungen und Verfahren greifen.[8][9]
  • Kanarisches Boden- und Schutzgebietsrecht: Die Ley 4/2017 (Suelo y Espacios Naturales Protegidos de Canarias) ist ein zentraler Rahmen für Bodennutzung, Schutzkategorien und Planungslogik im Archipel.[10]

Hinweis: Zuständigkeiten, Nachweise und Verfahren sind insel- und gemeindespezifisch. Nachhaltig ist in der Praxis: Früh klären, was genehmigungsfähig ist, welche Nachweise gefordert sind und welche Eingriffe als Sanierung, Umbau oder Neubau bewertet werden.

Der größte Hebel: Bestehendes nutzen statt neu bauen

Wenn Tragwerk und Lage passen, ist Sanierung häufig der stärkere Nachhaltigkeitshebel: Graue Energie bleibt erhalten, Abbruch und Entsorgung sinken, die Baustelle wird kürzer und materialärmer. Entscheidend ist eine saubere Diagnose, bevor Oberflächen verschönert werden.

Sanierungsdiagnose: Was zuerst geprüft werden sollte

  • Feuchte und Salz: Aufsteigende Feuchte, Schlagregen, Kondensat, Undichtigkeiten, Salzbelastung, kritische Anschlüsse.
  • Dach und oberste Decke: Wärmeeintrag, Undichtigkeiten, Windlast, geeignete Schichtfolgen.
  • Metalle und Bewehrung: Korrosionsspuren, Abplatzungen, rostende Geländer, Befestigungen, Installationen.
  • Fenster und Luftdichtheit: Zugluft, Überhitzung, akustische Schwachstellen, kontrollierbare Lüftungsstrategie.
  • Schadstoffe: In älteren Gebäuden kann Asbest vorkommen. Für Arbeiten mit Expositionsrisiko gelten Mindestanforderungen an Sicherheit und Gesundheit (RD 396/2006).[11]

Passiv zuerst: Hülle, Verschattung, Lüftung, Feuchte

Verschattung: Außen wirksamer als innen

Außenliegende Verschattung (Pergolen, Lamellen, Markisen, Vegetation) reduziert solare Gewinne, bevor sie in das Gebäude gelangen. Das ist auf den Kanaren oft der schnellste Weg zu besserem Komfort, weniger Überhitzung und geringerem Kühlbedarf.

Dach: Die Hitzezentrale der meisten Gebäude

Gerade bei Flachdächern entscheidet die Dachlösung über den Innenraumkomfort. Reflektierende Oberflächen und geeignete Dachaufbauten können helfen, den Wärmeeintrag zu reduzieren. Cool-Roof-Ansätze werden in europäischen Fachunterlagen als wirksame Strategie gegen sommerliche Überhitzung beschrieben.[12]

Lüftung: Qualität der Innenluft ist kein Nebenthema

In warmen Klimata wird häufig zu viel auf reine Durchlüftung gesetzt, ohne Luftqualität, Feuchte und Staubepisoden mitzudenken. Im CTE DB HS ist die Qualität der Innenluft (HS 3) als Teil der Salubridad-Anforderungen verankert.[5] Ergänzend setzt das RITE Anforderungen an thermische Anlagen im Kontext von Wohlbefinden und Hygiene.[6]

Feuchte: Atmungsaktiv bedeutet nicht unkontrolliert

Bei Sanierungen werden häufig Putze und Beschichtungen eingesetzt, die zwar gut klingen, aber an kritischen Details scheitern: Sockelzonen, Übergänge, Dachanschlüsse, falsche Abdichtungen, fehlende Wasserführung. Der CTE DB HS behandelt Feuchteanforderungen und bietet ein System aus Regeln und Verfahren, das bei Planung und Ausführung als Referenz dient.[5]

Materialstrategie: Lokal, zirkulär, robust

Regionale und wiederverwendete Materialien

Nachhaltigkeit profitiert auf Inseln besonders von Zirkularität: Wiederverwendung von Bauteilen, Aufarbeitung von Holz, Türen, Naturstein, Terrakotta, Metallteilen, sofern technisch und normativ vertretbar. Das reduziert Transporte, Entsorgung und häufig auch Kosten.

Baustellenabfall: Rückbau und Trennung sind Teil des Konzepts

Spanien regelt die Produktion und Bewirtschaftung von Bau- und Abbruchabfällen über das Real Decreto 105/2008, mit einer klaren Priorität: Vermeidung, Wiederverwendung, Recycling, Verwertung und erst danach Beseitigung.[13] Nachhaltig wird eine Baustelle, wenn Trennung, Lagerung, Abtransport und Nachweise von Anfang an eingeplant sind.

Energie: Solar ja, aber als System

Photovoltaik und Eigenverbrauch

Die Kanaren bieten sehr gute Voraussetzungen für Photovoltaik, aber wirtschaftlich und nachhaltig wird sie erst als System: Lastprofil, Verschattung, Dachzustand, Netzanschluss, Speicherstrategie, Wartung. Das Real Decreto 244/2019 regelt die administrativen, technischen und wirtschaftlichen Bedingungen des Eigenverbrauchs (autoconsumo) in Spanien.[14] Das Energieministerium (MITECO) bündelt dazu die einschlägige Normativübersicht und Erläuterungen.[15]

Förderlogik: Programme verstehen, bevor Angebote unterschrieben werden

Förderprogramme für Eigenverbrauch, Speicher und erneuerbare Wärme im Wohnbereich wurden unter anderem über das Real Decreto 477/2021 strukturiert. IDAE stellt dazu Umsetzungsinformationen bereit.[16][17]

Solarthermie: Warmwasser ist ein Dauerverbrauch

Warmwasser ist auf den Inseln ganzjährig relevant. Solarthermie kann technisch sinnvoll sein, wenn Speicherqualität, hydraulische Einbindung und Wartung stimmen. Gerade im Bestand können kurze Leitungswege und saubere Regelung den Unterschied machen.

Wasser: Von Sparen zu Planen

Verbrauch senken: Realistische Technik statt Symbolmaßnahmen

  • Wassersparende Armaturen und Spülkästen mit nachweisbarer Durchflussreduktion.
  • Druckminderer und Leckage-Management, besonders bei Feriennutzung oder langen Leerständen.
  • Warmwasserwege kurz halten: Weniger Verluste, weniger Energie, weniger Legionellenrisiken bei falscher Betriebsweise.

Außenanlagen: Xerogardening und Bewässerungslogik

Ein Garten nach Festland-Ästhetik ist auf den Kanaren häufig eine Dauerbaustelle aus Wasserverbrauch, Pflege und Frust. Nachhaltiger sind standortgerechte Pflanzen, Tropfbewässerung, Bodenaufbau gegen Verdunstung und eine Planung, die Wind und Sonne berücksichtigt.

Wasserwiederverwendung: Zulässigkeit und Qualität sind geregelt

Die Wiederverwendung von aufbereitetem Wasser ist in Spanien normiert. MITECO erläutert die Wiederverwendung im nationalen Kontext und verweist auf die Anwendung des Real Decreto 1620/2007 sowie eine begleitende Anwendungshilfe (Guía).[18][19] Für Bauherren bedeutet das: Grauwasser- oder Regeneratkonzepte müssen technisch, hygienisch und genehmigungsseitig sauber geplant werden.

Ein praxistauglicher Ablaufplan

Phase 1: Standort- und Bestandsanalyse

  • Mikroklima, Verschattung, Wind, Salz, Feuchte, Calima-Exposition.
  • Gebäudehülle, Dach, Anschlüsse, Installationen, Schadstoffrisiken.

Phase 2: Konzept mit Prioritäten

  • Passivmaßnahmen: Verschattung, Dach, Lüftung, Feuchteschutz.
  • Danach Technik: PV, Solarthermie, Speicher, effiziente Warmwasserbereitung.
  • Wasser und Außenanlagen: Verbrauch, Bewässerung, Wartung, Zulässigkeit.

Phase 3: Nachweise und Genehmigungen

  • CTE-Anforderungen (DB HE, DB HS) je nach Eingriffstiefe berücksichtigen.[4][5]
  • RITE bei thermischen Anlagen einplanen.[6]
  • Küste, Schutzgebiete, Bodenkategorien prüfen.[8][10]

Phase 4: Vergabe und Ausführung

  • Detailsicherheit bewerten: Anschlüsse, Korrosionsschutz, Dachaufbau, Wasserführung.
  • Materialverfügbarkeit, Ersatzteile, Wartungsintervalle realistisch kalkulieren.
  • Abfalltrennung und Rückbau als Bestandteil der Baustellenplanung nach RD 105/2008.[13]

Phase 5: Inbetriebnahme und Betrieb

  • Messbare Funktionsprüfung: Dichtheit, Anlagenparameter, Verbrauchsmonitoring.
  • Wartungsplan: Filter, Dichtungen, Korrosionskontrolle, PV-Reinigung je nach Standort.

Weiterführende Orientierung: Lebenszyklus statt Bauchgefühl

Wer Entscheidungen nachvollziehbar machen will, kann sich an Level(s) orientieren: Ein EU-Rahmen mit Kernindikatoren zu CO2, Materialien, Wasser, Gesundheit, Komfort und Klimarisiken über den Lebenszyklus eines Gebäudes. Die Europäische Kommission beschreibt Level(s) als Instrument zur Bewertung und Berichterstattung, und das Joint Research Centre stellt dazu technische Leitfäden bereit.[20][21]

Quellen und weiterführende Informationen

Nachhaltigkeit auf den Kanaren zeigt sich nicht an einzelnen Technologien, sondern an der Summe sauberer Entscheidungen: Standortlogik, robuste Details, geringerer Wasser- und Energiebedarf, wartungsarme Materialien, zirkuläre Baustellenplanung und eine Technik, die zum Gebäude passt. Wer so plant, baut nicht nur umweltfreundlicher, sondern in der Regel auch langlebiger, komfortabler und wirtschaftlicher.