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Haie vor den Kanaren

Faszinierende Schatten der Tiefe

Wenn ich ins Wasser der Kanarischen Inseln eintauche, denke ich oft an das, was unter mir liegt – nicht nur an bunte Fische oder Lavaformationen, sondern an jene geheimnisvollen Bewohner, die kaum jemand zu Gesicht bekommt: Haie. Sie sind Teil dieser maritimen Welt, still, kraftvoll und oft völlig missverstanden. Dabei sind sie keine Bedrohung, sondern ein essenzieller Bestandteil des Ökosystems rund um die Inseln. Lass uns gemeinsam auf Tauchgang gehen – in die Vielfalt und Bedeutung der Haie im atlantischen Blau der Kanaren.

Warum ausgerechnet hier?

Die Kanarischen Inseln sind nicht nur ein Paradies für Urlauber. Auch Haie finden hier ein Zuhause – und das hat gute Gründe. Die Lage im östlichen Zentralatlantik bringt sie in Kontakt mit warmen, nährstoffreichen Strömungen. Steil abfallende Küsten, tiefe Meeresgräben und vulkanische Unterwasserlandschaften bieten Verstecke, Jagdgebiete und Brutplätze. Manche Arten leben ständig hier, andere nutzen die Region als Durchzugsgebiet oder Kinderstube. Und wenn du beim Schnorcheln oder Tauchen mal einen Schatten entdeckst, kann es gut sein, dass es kein harmloser Fisch ist – sondern einer dieser eleganten Meeresjäger.

Die Vielfalt der Arten

Mehr als 50 verschiedene Haiarten wurden in den Gewässern rund um die Kanaren dokumentiert. Das Spektrum reicht von kleinen Grundhaien bis hin zu den Giganten der Meere. Viele sind harmlos und scheu, andere beeindruckend groß – aber dennoch friedlich. Hier ein paar der faszinierendsten Vertreter:

  • Blauhai (Prionace glauca)
    Dieser elegante Hochseehai mit seiner leuchtend blauen Farbe ist häufig anzutreffen – vor allem bei Bootstouren weit draußen auf dem offenen Atlantik.
  • Engelhai (Squatina squatina)
    Er sieht eher aus wie ein Rochen und liegt tagsüber gut getarnt im Sand. Im Winter kommt er näher an die Küsten – und obwohl er früher stark bejagt wurde, steht er heute unter strengem Schutz.
  • Hammerhaie (Sphyrna spp.)
    Die markanten Köpfe dieser Tiere sind mehr als nur bizarr – sie verbessern die Wahrnehmung elektromagnetischer Felder. Sowohl der glatte als auch der große Hammerhai wurden rund um die Inseln gesichtet.
  • Walhai (Rhincodon typus)
    Der sanfte Riese. Mit bis zu zwölf Metern Länge ist er der größte bekannte Fisch der Welt – und völlig harmlos, da er sich von Plankton ernährt. Sichtungen sind selten, aber möglich, z. B. bei El Hierro.
  • Makohai (Isurus oxyrinchus)
    Der Sprinter unter den Haien. Schnell, kraftvoll, aber scheu. Diese Art bevorzugt die Weiten des offenen Meeres.
  • Fuchshai (Alopias vulpinus)
    Mit einem Schwanz, der fast so lang ist wie der Körper, jagt er geschickt kleine Fische. Er lebt in tieferen Gewässern und ist ein eher seltener Gast nahe der Oberfläche.
  • Tigerhai (Galeocerdo cuvier)
    Einer der wenigen Haie, der als potenziell gefährlich gilt – doch Sichtungen sind extrem selten. Und auch er vermeidet den Menschen, wo immer möglich.

Geburten im Ozean – Fortpflanzung bei Haien

Ja, Haie gebären tatsächlich – zumindest viele von ihnen. Es gibt drei Hauptformen:
  • Ovovivipar: Die Eier entwickeln sich im Körper der Mutter, schlüpfen dort und werden als lebende Junge geboren (z. B. Blauhai, Engelhai).
  • Vivipar: Mit Plazenta, wie bei Säugetieren – ein echtes Wunder der Evolution (z. B. Hammerhai).
  • Ovipar: Eiablage am Meeresgrund, geschützt durch lederartige Kapseln – oft als "Meerjungfrauen-Geldbörse" bezeichnet (z. B. Katzenhai).

Besonders spannend ist: Manche Haie nutzen die Region um El Hierro gezielt zur Geburt – etwa der Kleinzahn-Sandtigerhai, der dort in flacheren Gewässern seine Jungen zur Welt bringt.

Begegnungen mit dem Menschen – selten und friedlich

Trotz aller Faszination gibt es da immer wieder diese leise Angst vorm Hai. Doch hier kommt die beruhigende Nachricht: Haiangriffe auf den Kanaren sind extrem selten. Seit dem 19. Jahrhundert wurden nur einige wenige, dramatische Vorfälle dokumentiert. Millionen Menschen gehen jedes Jahr baden – ohne jede Begegnung mit einem Hai.

Die meisten Arten sind scheu. Sie meiden den Menschen und leben in Tiefen oder Zonen, in die wir nur selten vordringen. Klar sollte man immer Respekt haben – vor der Strömung, dem Meer und den Tieren. Aber Angst? Die ist hier fehl am Platz.

Warum Haie Schutz brauchen

Viele der aufgelisteten Haiarten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Überfischung, Beifang, Plastikmüll und die Zerstörung von Lebensräumen setzen ihnen stark zu. Der Engelhai etwa, einst häufig, ist heute in weiten Teilen Europas beinahe verschwunden.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir sie nicht nur bestaunen, sondern auch schützen. Das beginnt schon bei unserem Verhalten: kein Hai-Fleisch kaufen, keinen Souvenirzahn mitnehmen – und beim Tauchen oder Schnorcheln Abstand halten und beobachten, nicht bedrängen.

Die stillen Wächter des Atlantiks

Haie sind mehr als ihre Zähne. Sie sind faszinierende, uralte Wesen, die seit Millionen von Jahren durch die Ozeane ziehen – auch rund um die Kanaren. Ihre Präsenz erinnert mich daran, wie wenig wir eigentlich über das Leben unter Wasser wissen – und wie sehr wir es bewahren sollten.

Die kanarischen Gewässer bieten ihnen Schutz, Raum und Nahrung – und uns die seltene Chance, diese Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu erleben. Wer ihnen mit Neugier und Respekt begegnet, entdeckt in ihnen keine Bedrohung, sondern ein Wunder der Natur.

Quellen & Informationen

  • IUCN Red List of Threatened Species (Stand 2024)
  • Regierung der Kanarischen Inseln – Umwelt und Naturschutz
  • Universität La Laguna (Teneriffa) – Meeresbiologische Fakultät
  • Forschungsberichte zur Meeresfauna der Kanaren (diverse Institute)
  • Erfahrungsberichte von Tauchschulen auf Fuerteventura, El Hierro und Lanzarote