Wie Konstanz Teil einer größeren Geschichte wurde

Die frühe Verbindung von Konstanz zu Teneriffa
Konstanz und Teneriffa liegen weit auseinander. Der Bodensee ist kein Atlantik, und wer hier am Ufer steht, blickt nicht in Richtung Afrika, sondern auf Alpen, Wasser und Geschichte im überschaubaren Maßstab. Und doch gibt es eine Verbindung. Keine offensichtliche, keine stolze, keine, mit der man Stadtführungen bewerben würde. Eher eine stille, strukturelle, unangenehme. Vielleicht fällt sie einem auch nur auf, wenn man selbst zwischen beiden Welten lebt - als Konstanzer mit einer tiefen, gewachsenen Verbindung zu Teneriffa.
Ordnung schaffen in einer zerrissenen Kirche
Zwischen 1414 und 1418 war Konstanz das Zentrum Europas. Das Konzil von Konstanz sollte ein Problem lösen, das heute fast surreal wirkt: Mehrere Päpste, konkurrierende Wahrheiten, eine Kirche ohne klare Autorität. Hier ging es nicht um Spiritualität, sondern um Macht, Legitimation und Kontrolle.
Mit der Wahl Martins V. im Jahr 1417 war das Ziel erreicht: Die Kirche war wieder handlungsfähig. Und genau darin liegt der entfernte, aber reale Bezug zu Teneriffa. Nicht, weil Teneriffa auf der Tagesordnung stand, sondern weil mit dieser Entscheidung ein System wieder funktionierte, das Anspruch, Mission und Herrschaft kirchlich absichern konnte.
Teneriffa war kein Thema - aber betroffen
Auf dem Konzil sprach niemand über die Kanarischen Inseln. Niemand über Teneriffa, Lanzarote oder La Gomera. Und ganz sicher niemand über die Guanchen, die ursprünglichen Bewohner dieser Inseln.
Doch Geschichte funktioniert nicht nur über das, was ausgesprochen wird. Sie wirkt oft über das, was neu möglich wird. Mit der wiederhergestellten Autorität Roms konnte die Kirche erneut mit einer Stimme entscheiden, wer missionieren durfte, wer Einfluss beanspruchen konnte und welche Expansion religiös legitimiert war.
Die Guanchen und die Logik der Mission
Die Guanchen lebten außerhalb der christlichen Weltordnung. Aus europäischer Sicht waren sie Heiden - nicht als Beleidigung, sondern als juristische Kategorie. Wer nicht Teil der christlichen Ordnung war, hatte in diesem Denken keinen Anspruch auf Selbstbestimmung.
Damit wurde ein Muster verlässlich, das sich auf den Kanaren besonders früh und besonders sichtbar zeigt: Mission rechtfertigte Eingriffe in bestehende Kulturen, Widerstand konnte als Glaubensverweigerung gedeutet werden, Unterwerfung erschien als moralische Pflicht. Für die Guanchen bedeutete das keinen theologischen Diskurs, sondern konkrete Realität: Versklavung, Zerschlagung sozialer Strukturen, Verlust von Sprache, Tradition und Identität.
Ein früher Proberaum europäischer Expansion
Die Kanarischen Inseln wurden zu einem Experimentierraum. Lange vor Amerika wurde hier erprobt, wie religiöse Legitimation, militärische Gewalt und wirtschaftliche Interessen zusammenspielen konnten. Wer die späteren Mechanismen kolonialer Expansion verstehen will, findet auf den Kanaren frühe, oft übersehene Vorstufen.
Ironisch betrachtet geschah dies zeitgleich mit den großen Debatten in Konstanz über Einheit, Wahrheit und Ordnung. Während hier über die richtige Kirche gestritten wurde, begann am Rand Europas ein Prozess, der ganze Kulturen zum Verschwinden brachte - leise, strukturiert, religiös abgesichert.
Persönliche Annäherung
Natürlich hat Konstanz Teneriffa nicht erobert. Keine Schiffe liefen vom Bodensee Richtung Atlantik. Und doch bleibt ein irritierendes Gefühl: Dass ein Ereignis vor der eigenen Haustür half, ein System zu stabilisieren, dessen Folgen man heute auf Teneriffa noch spüren kann.
Vielleicht ist es genau diese indirekte Verbindung, die hängen bleibt. Nicht die große Schuld, nicht die direkte Tat, sondern die Erkenntnis, dass Geschichte selten dort endet, wo sie beginnt. Und dass selbst Orte, die sich gern als Randnotiz verstehen, Teil größerer Zusammenhänge sind. Für jemanden, der zwischen Konstanz und Teneriffa lebt, ist das kein Grund für Pathos. Aber ein guter Grund, genauer hinzusehen.