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Riesenkalmare in den Gewässern um die Kanaren

Ein stiller Bewohner der Tiefsee

Wer an die Kanarischen Inseln denkt, hat meist Vulkanküsten, klare Buchten und den offenen Atlantik vor Augen. Was dabei leicht vergessen wird: Schon wenige Kilometer vor der Küste fällt der Meeresboden abrupt in große Tiefen ab. Dort beginnt eine Welt, die kaum sichtbar, kaum erforscht und dennoch real ist. Eine ihrer bekanntesten und zugleich rätselhaftesten Bewohner ist der Riesenkalmar, wissenschaftlich Architeuthis dux.

Ein Tier, das sich dem Blick entzieht

Riesenkalmare gehören zu den größten wirbellosen Tieren der Erde. Sie leben nicht an der Oberfläche, nicht in Küstennähe und nicht dort, wo Menschen sie erwarten würden. Ihr Lebensraum liegt in der Tiefsee, meist mehrere hundert Meter unter dem Meeresspiegel.

Dass wir sie kaum sehen, liegt nicht an ihrer Seltenheit allein, sondern an ihrer Lebensweise. Sie bewegen sich in einem Raum, der dunkel, kalt und technisch schwer erreichbar ist. Lange Zeit wusste man von ihrer Existenz fast ausschließlich durch tote Tiere, angespülte Fragmente oder durch ihre Rolle als Beute großer Wale.

Warum ausgerechnet die Kanaren?

Die Kanarischen Inseln liegen an einem steilen geologischen Übergang. Der Ozean fällt hier ungewöhnlich schnell in große Tiefen ab. Gleichzeitig sorgen kalte Tiefenströmungen und nährstoffreiche Auftriebsgebiete für ein hohes biologisches Angebot.

Aus biologischer Sicht sind das günstige Bedingungen für große Tiefsee-Kopffüßer. Es ist daher plausibel, dass die Gewässer um die Kanaren zum Verbreitungsraum von Riesenkalmaren gehören, auch wenn direkte Beobachtungen extrem selten bleiben.

Ein starkes Indiz liefern die Pottwale, die regelmäßig rund um die Inseln anzutreffen sind. Riesenkalmare gehören zu ihrer wichtigen Nahrung. Wo Pottwale jagen, gibt es in der Regel auch große Kalmare.

Körperbau für die Dunkelheit

Der Riesenkalmar ist ein Spezialist der Tiefe. Sein Körperbau erzählt viel über sein Leben fernab des Lichts:

  • Ein langgestreckter Mantel, der effizientes Gleiten ermöglicht
  • Acht kräftige Arme und zwei extrem lange Fangarme
  • Saugnäpfe mit harten Chitinzähnen, um glitschige Beute sicher zu halten
  • Ein massiver Schnabel, der Beute zerteilt und festhält

Besonders beeindruckend sind die Augen. Sie gehören zu den größten im gesamten Tierreich. In der Dunkelheit der Tiefsee helfen sie, selbst schwache Lichtreize wahrzunehmen, etwa das Leuchten biolumineszenter Organismen oder die Umrisse von Beute und Fressfeinden.

Räuber und Beute zugleich

Riesenkalmare jagen aktiv. Sie ernähren sich vor allem von Tiefseefischen und anderen Kopffüßern. Mit ihren langen Fangarmen können sie Beute blitzschnell erfassen und zum Schnabel führen.

Gleichzeitig stehen sie selbst weit oben auf dem Speiseplan größerer Räuber. Vor allem Pottwale sind auf sie spezialisiert. Spuren dieser Begegnungen finden sich nicht selten in Form von Saugnapfnarben auf der Haut der Wale - ein stiller Hinweis auf Kämpfe in völliger Dunkelheit, weit unter der Oberfläche.

Fortpflanzung - vieles bleibt offen

Über den Lebenszyklus von Riesenkalmaren ist erstaunlich wenig bekannt. Man geht davon aus, dass die Weibchen sehr große Mengen an Eiern produzieren und diese frei im Wasser abgeben.

Die frühen Entwicklungsstadien spielen sich vermutlich in höheren Wasserschichten ab. Erst mit zunehmender Größe wandern die Tiere in größere Tiefen ab. Ein vollständiger Lebenszyklus konnte bislang nicht direkt beobachtet werden. Das zeigt, wie begrenzt unser Wissen über die Tiefsee trotz moderner Technik noch immer ist.

Funde statt Begegnungen

In den Gewässern um die Kanarischen Inseln gibt es keine regelmäßigen Sichtungen lebender Riesenkalmare. Was existiert, sind indirekte Nachweise: Fragmente, angespülte Tiere, sowie wissenschaftliche Rückschlüsse aus der Nahrung von Walen.

Solche Hinweise gelten in der Tiefseeforschung als aussagekräftig. Sie zeichnen das Bild eines Tieres, das präsent ist, ohne sich zu zeigen - ein Bewohner der Tiefe, der sich dem direkten Kontakt entzieht.

Nähe und Distanz zugleich

Gerade das macht den Riesenkalmar in der Region der Kanaren so faszinierend. Während an der Oberfläche gebadet, gesegelt und beobachtet wird, existiert wenige Kilometer entfernt eine völlig andere Welt.

Der Gedanke, dass unter diesen Gewässern Tiere leben, die größer sind als die meisten bekannten Meeresräuber, verändert den Blick auf den Atlantik. Nicht dramatisch, nicht mythisch, sondern still, respektvoll und mit einem gewissen Staunen.

Quellen und Hinweise

  • Allgemeine Artübersicht und Biologie: Architeuthis dux (Riesenkalmar), u.a. Zusammenfassungen aus mariner Fachliteratur und Lexika.
  • Indirekte Nachweise über Nahrung von Pottwalen und Tiefseeökologie: Publikationen und Übersichtsarbeiten zur Cephalopoden-Fauna im Nordostatlantik.